Die Situation für Studierende beschrieb sie als sehr privilegiert. “Es gibt keine Studiengebühren, und der Staat ermöglicht vielen jungen Menschen überhaupt erst ein Studium.” Es sei “kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben - viele sammeln dabei sogar wichtige Erfahrungen fürs Leben und den Beruf”, gegebenenfalls in den Semesterferien. Es werde kein “Vollkaskostudium” geben.
Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und das hat es für mich mehr als 10 mal unwahrscheinlicher gemacht, mein Studium abzuschließen. Mein Freundeskreis besteht zum großen Teil aus Arbeiterkindern, viele davon sind mit Mitte 30 immer noch am studieren und werden einfach nicht fertig.
Wir alle mussten extrem viel arbeiten neben den Studium. Wenn ich einem Minijob maximal ausnutzen, bekomme ich 450€ im Monat drauf, davon bezahle ich in Unistädten nicht mal meine Wohnung. Klar kann ich die Semesterferien über am Fließband ballern, die Kommilitonen fahren dann nach Vietnam und “verwirklichen” sich dort selbst. BAföG habe ich nicht bekommen, die Arbeitereltern haben zu viel verdient, konnten mich aber aufgrund hoher Kredite für Wohneigentum nicht unterstützen. Andere Freunde sind aus der Regelstudienzeit raus und bekommen deshalb kein BAföG mehr. Wer 20 Stunden die Woche neben dem Studium arbeitet, braucht länger, wer hätte es gedacht.
Ich will mich nicht beschweren, ich habe mit Glück ein Studium gefunden, dass ich liebe. Aber der Druck ist sehr hoch für uns Arbeiterkinder. Wir sind im Studium was die Herkunft angeht oft alleine, umgeben von Akademikerkindern, Menschen mit Migrationshintergrund haben es nochmal schwerer. Niemand kann dir bei irgendwas helfen, weil weder deine Eltern, noch dein soziales Umfeld jemals eine Vorlesung besucht hat, du musst also doppelt so hart arbeiten. Wenn du es am Ende nicht schaffst, fällst du von deinen prekären Verhältnissen direkt eine Klasse runter und bist arm.
Lange Rede kurzer Sinn - am BAföG zu sparen, heißt sozialen Aufstieg zu behindern. In einem Land, das heute schon eins der ungerechtesten Ländern der EU ist. Studierende sind nicht prinzipiell privilegiert. Viele Studierende sind privilegiert, aber sicherlich nicht die, die mit BAföG gefördert werden.
am BAföG zu sparen, heißt sozialen Aufstieg zu behindern.
Das ist die Absicht dahinter.
Ich hab für meinen Bachelor sieben Jahre gebraucht, inklusive einmal die Hochschule wechseln, und nebenher 20h die Woche geschafft (Urlaubstage für Prüfungen, Semesterferien auf Vollzeit aufgestockt), gleichzeitig versucht so viel Kursleistung wie irgend möglich zu liefern. Ähnliche Situation bzgl. Bafög wie bei dir.
Ich war am Rande des Burnouts bevor ich überhaupt in der Arbeitswelt angekommen bin. Dank gutem Chef, angenehmen Kollegen und der ausdrücklichen Aufforderung, bei Anforderungen jenseits meiner Kapazitäten auch mal Nein zu sagen, hab ich tatsächlich angefangen, mich dort zu erholen. Bin mittlerweile drei Jahre dort und würde behaupten, ich hab mich echt gut erholt, aber manchmal geistert dieses Gespenst immer noch in meiner Psyche rum.
Meine Frau (damals Freundin) hat kämpfen müssen, Bafög zu kriegen. Familiensituation hässlich, Mutter verstorben, Vater weg, aber das SW will trotzdem erst, dass sie den Vater um Unterhalt fragt. Aber klar doch, lass mal Kontakt herstellen und nachher im Alter für ihn verantwortlich sein, obwohl es eh keinen Cent zu holen gibt.
Nachdem sie erklärt hat, dass sie keinerlei Kontaktmöglichkeiten oder Infos über seinen Aufenthalt hat, hat das SW selbst die Nachforschungen übernommen und ihn dann kontaktiert wegen Erklärung über Einkommen usw. Überraschung, der hat gar nicht geantwortet. Sind aber Monate verstrichen, bis das SW eingesehen hat, dass sie Elternunabhängiges Bafög kriegt. Monate in denen sie Ausgaben hatte und zum Glück von anderen Geld leihen konnte (das sie dann von der Nachzahlung zurückgezahlt hat).
Und selbst dann war es so wenig, dass sie kaum ihre Hälfte der Lebenskosten tragen konnte, geschweige denn Luxus. Ich musste so viel arbeiten, damit wir irgendwo noch etwas finanzielle Sicherheit hatten.
Die Korrelation “Student = privilegiert” mag existieren, aber der Grund ist dann vermutlich ein anderer: Privilegierte studieren tendenziell eher, weil sie es sich leisten können, das Studium zu genießen.
Die Schnösel, die solchen Mist verzapfen, haben nie geheult, weil ihr Kontobetrag ins dreistellige gerutscht ist und sie Angst hatten, was noch an Rechnungen kommen könnte.
gegebenenfalls in den Semesterferien
Hatte keine richtigen Semesterferien, bei uns gab es nur vorlesungsfreie Zeit, da waren dann Klausuren und entsprechend auch die Klausurvorbereitung. Meine vorlesungsfreie Zeit sah oft so aus, dass ich eine Woche vollzeit gearbeitet hab um dann die Woche darauf nicht arbeiten zu müssen und Zeit fürs Lernen und eine Klausur zu haben. Das hat sich dann so vier bis fünf Mal wiederholt, und danach waren dann vielleicht noch zwei Wochen bevor die Vorlesungen wieder losgingen. Pflichtpraktika hab ich in der Vorlesungszeit gemacht und entsprechend keine Vorlesungen besuchen oder arbeiten können. Und Pflichtpraktika dürfen unbezahlt sein, muss man sich also auch leisten können mal ein paar Monate kein Einkommen zu haben. Ach ja und über 30 (eventuell plus ein paar Jahre die man sich anrechnen lassen kann) fliegt man aus der studentischen KV raus und zahlt danach doppelt so viel.
Allein dass die Ministerin dieses Wort Semesterferien benutzt zeigt ihre Inkompetenz. Das gibt es nicht
Ich konnte nur berufsbegleitend am Wochenende an einer Privathochschule studieren. Ein Vollzeitstudium wäre vorher finanziell nicht drin gewesen. Das waren vier Jahre voller zeitlicher Entbehrungen und Stress. Auch finanziell war es eine Belastung durch die Studiengebühren. Ich bin froh den Abschluss zu haben. Kann es aber eigentlich nicht empfehlen. Theoretisch kann jeder mit den passenden Noten studieren, realistisch ist der Zugang gerade inzwischen doch durch hohe Lebenshaltungskosten und Miete nur privilegierten Menschen vorbehalten.
Ich finds echt spannend, wie sich das geändert haben muss die letzten zehn Jahre. Als ich damals noch studiert habe, waren ziemlich viele Leute aus Arbeiter:innenfamilien, mindestens alle mit denen ich dann in einer Lerngruppe war oder mit denen ich mehr zu tun hatte. War allerdings auch eine Fachhochschule im Osten, vielleicht ist das ein Faktor.
Ja ich denke damit könnte es zusammenhängen. Fachhochschulen sind meist näher am Beruf und verschulter vom Curriculum. Fachlich sind sie deswegen nicht unbedingt weniger hart, dafür einfach greifbarer. An der Uni hast du manchmal Montags 8-10 und 16-18 Uhr Vorlesung in riesigen Hörsälen mit ein paar Hundert Leuten. Dazwischen musst du dir alles selbst strukturieren. “Jahrgangsverbünde” gibt es häufig nicht, Flieger du durch 1, 2 Klausuren, dann siehst du einige Kommilitonen nie wieder.
Als ich studiert habe, konnte man mit Bafög auch noch wirklich gut leben (zumindest wenn man den Höchstsatz bekam). Aber damals waren die Mieten auch noch deutlich günstiger.
Das mit dem Arbeiten in den Semesterferien mag für ein geisteswissenschaftliches Studium vielleicht noch funktionieren, aber ich dachte, wir wollten politisch gesehen vor allem mehr MINT-Studierende - da sind die “Semesterferien” oft voll mit Laborpraktika und anderen Schikanen. Man kann halt nicht alles haben - gut ausgebildetes Volk oder “die Armen sollen sich mal nicht so anstellen”. Choose 1.
Übrigens: Doro Bär hat ihr eigenes Studium durch die CSU Hanns-Seidel-Stiftung (aus staatlicher Parteienfinanzierung) mit einem Stipendium bezahlt bekommen
Keine Pointe
Ich frage mich ja immer, warum wir denen Heerscharen von Beratern bezahlen, sie dann aber Entscheidungen immer an ihrer persönlichen Lebensrealität festmachen, statt mal ihre Berater um ein Stimmungsbild zu fragen?
Alleine “man kann ja in den Semesterferien arbeiten”. Ja, das war bei ihr vielleicht so, Anfang der 2000er PoWi an der FU Berlin.
Wir hatten in unserem Studiengang halt die Prüfungen und Praktika in den Semester"ferien" (deswegen sprach man ja auch nur über vorlesungsfreie Zeit).
“Es gibt keine Studiengebühren”. Fair, aber kennste Semesterbeitrag? Das ist halt eine relevante Größenordnung für Studis, ist ja auch egal wie man es nennt. Ja, es ist nicht wie USA, ja, es ist gut, dass der nicht randon 500€ höher liegt, aber das Geld muss man als mittelloser Studi trotzdem erstmal auftreiben.
Mal abgesehen davon, dass alles mit allem zusammenhängt. Die Mietsituation ist für die allermeisten Menschen schlecht und schlechter. Studis ziehen zum Studium oft um, Neumietverträge, gerade in Studentenstädten, sind die Hölle.
Könnte man ja alles in Erfahrung bringen, aber nein, Doro kennt ja von damals™ Leute, bei denen das geklappt hat, also geht das auch 25 Jahre später noch und ist allgemeingültig für alle Menschen, alle Unis, alle Fächer.
Es ist ja auch kein Problem, sich in dem, was von den Semesterferien bleibt, die 4800€ zusammenzuverdienen, um die nächsten 6 Monate Miete in München stemmen zu können. /s
Sind zu beschäftigt damit sich die Taschen voll zu machen und das Gesundheitswesen zu zerstören
Ach aber bei anderen Themen ist doch immer das Totschlagargument " Das steht so im Koalitionsvertrag das müssen wir jetzt umsetzen, schade aber auch"
Und nach der nächsten Bundestagswahl wird man sich darüber wundern, warum man sein Wahlprogramm gerade den jüngeren Leuten nicht vermitteln konnte…
Nö, wieso? Man verspricht dann einfach wieder das selbe. Die Wähler sind doch erwiesenermaßen absolut lernresistent.







